Menü
SUPERillu
Made with in Offenburg
© U. Toelle | SuperIllu
In Gedenken

Regine Hildebrandt: Die Unbeugsame

Sie war die Mutter Courage im Parlament von Brandenburg. Die Stimme der Menschen im Osten. Ihr Fahrer Rainer Karchniwy erinnert sich

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der SuperIllu Printausgabe 06/2011

 

Wenn sie ihr Verhältnis beschrieb, bemühte sie gern das Bild von »zwei linken Latschen«. Und irgendwie haben sie tatsächlich so zusammengepasst: die brandenburgische Ministerin Regine Hildebrandt (60+) und ihr Fahrer Rainer Karchniwy.

 

Erinnerungen. 63 000 Kilometer legten sie von 1991 bis 1999, dem Ende von Hildebrandts Amtszeit, gemeinsam zurück. Karchniwy: "Ich fuhr meine Ministerin zur Einweihung von Pflegeheimen und Suppenküchen, zu Wahlkampfreden, Parlamentsdebatten, Fernsehterminen. Und zu SPD-Treffen, wo man ohne die kräftige Stimme der unbeugsamen Frau aus dem Osten keine Beschlüsse fassen wollte. Manchmal ging's auch schnell beim Friseur vorbei." Zum Glück für die Nachwelt hatte der treue Fahrer, der Hildebrandt nur im Privaten duzte, immer und überall seine Pentax Mini dabei. Er durfte knipsen, was anderen verwehrt blieb: seine Chefin in ganz persönlichen Situationen.

© ni Ko We Toe Tre | SuperIllu
Regine Hildebrandt im Jahr 1997 bei ihrer Dankesrede für die Goldene Henne

Regine Hildebrandt ist fast zehn Jahre tot. Vergessen ist sie nicht. Nicht bei ihrer Großfamilie in Woltersdorf, die bis heute das Hildebrandtsche Generationenhaus bewohnt. Nicht bei politischen Freunden und vor allem nicht bei den Menschen im Osten. Das ist auch Rainer Karchniwy und seinen Fotos zu verdanken. Er tourt bis heute mit Ausstellungen durchs Land.

Rezepte. Sogar bei dem 56-Jährigen zu Hause in Wilhelmshorst (Potsdam) lebt die Frau mit der unverwechselbaren »Kodderschnauze« in Gedanken fort: "Regine und ich haben mehr Zeit zusammen verbracht als mit unseren Ehepartnern. Zudem haben meine Frau und ich von ihr die Rezepte für ihren Frankfurter Kranz und die Teltower Rübchen bekommen. Die Gerichte stehen bei meiner Familie hoch im Kurs."Aufpasser. Karchniwy war Hildebrandts Hüter der Zeit: "Sie hat sich immer verzettelt, weil sie redete wie ein Wasserfall. Wenn es knapp wurde, habe ich über alle Köpfe hinweg den Arm gehoben und auf die Uhr gezeigt. Meist hat Regine dann pariert", sagt er lächelnd und erinnert sich an folgenden Dialog. Regine: »Wann haben wir den nächsten Termin?« Karchniwy: »In drei Stunden.« Sie: »Da könnte ick ja schnell noch beim Friseur vorbei ... wenn ick doch nur een Termin hätte.« Er: »Das trifft sich gut. Nehmen Sie den von meiner Frau.«

Die stille Seite. Kann so eine Plaudertasche auf dem Rücksitz nicht mächtig anstrengend sein? Karchniwy: "Im Wagen herrschte Funkstille. Da hat sie gearbeitet. Unterbrechen durfte ich ihre Gedanken nur, wenn draußen ein Storch zu sehen war. Da war sie dann immer total außer sich vor Freude." Eine schweigsame Regine Hildebrandt. Kaum zu glauben! Rainer Karchniwy überzeugend: "Sie hat mir mal verraten, warum sie in Talk-Runden selten jemanden ausreden ließ. Sie sagte: »Wat mir an den meisten Politikern so auf die Nerven jeht, is, dass die reden und reden, obwohl jeder weeß, wat als Nächstet kommt. Da kann ick nich still zuhören. Det is mir zu schade um meine Zeit.«"

Nachsatz. Regine Hildebrandt ist am 26. November 2001 an Krebs gestorben. Wenige Wochen zuvor tourte sie noch im Wahlkampf für die SPD durch das Brandenburger Land, und SuperIllu-Reporter durften sie dabei begleiten.