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Interview mit TV-Journalistin

Jessy Wellmer: Was dem Osten auf der Seele brennt

Im Interview mit SuperIllu zeigt sich Jessy Wellmer besorgt über die Entwicklung in Deutschland, appelliert an die Bundesregierung – und erzählt von Vorbehalten ihr gegenüber.

Von Gerald Praschl

In ihrem Buch „Die neue Entfremdung“ schreibt die TV-Journalistin Jessy Wellmer – selbst im Osten geboren und zur Wende neun Jahre alt –  warum so viele Ostdeutsche 35 Jahre nach dem Mauerfall mit dem Westen fremdeln. Hier einige ihrer Gedanken… 

Mit ihrem Buch will die Moderatorin der ARD-„Tagesthemen“ laut eigener Aussage vor allem vermitteln. Im Westen werde sie gefragt, was mit den Ossis los sei. Ostdeutsche würden von ihr wissen wollen, wie der Westen tickt.

Geboren 1979 in Güstrow in Mecklenburg, fühle sie sich weder Ost noch West, sondern als „Kind des wiedervereinten Deutschland“ - das mit großer Sorge auf die „neue Entfremdung“ zwischen Ost und West blicke. Dabei hält sie beiden Seite den Spiegel vor. „Ostdeutsche pflegen genauso viele Vorurteile gegen Westdeutsche wie umgekehrt“, konstatiert sie und findet es ungerecht, wenn von ihnen „der Westen“ für alles verantwortlich gemacht werde. Es sei auch bedauerlich, dass „ausgerechnet diejenigen im Osten den Debattenton vorgeben, die alte Rechnungen offen haben“. Sie spricht aber auch aus, was sehr vielen Ostdeutschen auf der Seele brennt und wirbt bei Lesern aus dem Westen um Verständnis und Aufmerksamkeit.

Ein lesenswertes Buch, das ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommen könnte, wie jüngst Dirk Oschmanns Bestseller „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ - dessen Thesen sie zum Teil kritisiert.

© Herby Sachs | WDR
Von 2014 bis 2023 präsentierte sie die „Sportschau“. Ihre Moderationskarriere im TV begann 2009 beim ZDF-„Morgenmagazin“, wo sie bis zum ARD-Wechsel durch den  Sportblock führte.

Für viele im Osten wurde es aber nicht so gut, wie sie es sich anfangs ausgemalt hatten oder es ihnen verkündet worden war.

Jessy Wellmer

Interview: Björn Wolfram

„Die neue Entfremdung“ – Frau Wellmer, Sie haben da offenbar eine Art Lebensthema für sich entdeckt, oder?

Ja, obwohl ich nur neun Jahre und damit einen kleinen Teil meines Lebens in der DDR verbracht habe. Lang war das auch gar kein Thema für mich. Ich bin nach dem Abitur nach Berlin gegangen, habe mal im Osten, mal im Westen gelebt. Dann verschlug es mich wegen der „Sportschau“ nach Köln, schließlich in Sachen „Tagesthemen“ nach Hamburg. Eigentlich könnten mir Ost-West-Fragen also egal sein… Aber ich glaube, dass da immer noch oder wieder Gesprächsbedarf besteht. Wenn wir nicht miteinander reden – und das über die Generationsgrenzen und unsere Meinungsblasen hinweg –, dann setzt sich da was fest, was nicht gut ist. Im Westen haben viele den Osten abgeschrieben, im Osten ist Bitterkeit weit verbreitet. Wir dürfen nicht verstummen. Und ich selber will auch wissen, was da eigentlich los ist, was in den vergangenen drei Jahrzehnten schief gegangen ist. Deswegen bin ich auf Spurensuche gegangen. Ich glaube einfach, es bedarf im Westen eines anderen Blicks auf die Leute im Osten und ihre Geschichte. Man muss um den Tisch herumgehen und sich mal in deren Position begeben. Ich versuche, da eine Art Vermittlerin, Schlichterin zu sein – gerade in diesen Zeiten der Dauerempörung. Vielleicht ist mein Ansatz total langweilig oder kontraproduktiv, aber ich kann nicht anders.

Gab es ein Erweckungserlebnis?

Das war die Auseinandersetzung um den Angriff Russlands auf die Ukraine. Da gab es plötzlich ungemeinen Redebedarf, allein schon innerhalb meiner Familie. Und ich fragte mich, was die Diskussionen auch mit diesem „Ost-West-Ding“ zu tun haben. Natürlich: Auch andere Krisen wie beispielsweise die Corona-Pandemie haben im Osten etwas ausgelöst, aber der Ukrainekrieg im Besonderen: Die Haltung des Westens, da auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, verstört viele im Osten. Das kommt da an, als ob die Westdeutschen sagen, wir wissen es besser, und bestimmen im Zweifelsfall über deinen Kopf hinweg. Viele im Osten fühlen sich da plötzlich an die Zeit nach dem Mauerfall erinnert. Sie bekamen damals nicht nur suggeriert, sondern auch ganz klar gesagt, sie hätten die ganze Zeit ein falsches Leben im falschen System geführt. Da sehe ich einen direkten Zusammenhang, den man nicht unterschätzen darf.

© Hendrik Lüders | NDR
Seit dem 30.10.2023 moderiert Jessy Wellmer die „Tagesthemen“ in der ARD; trat damit die Nachfolge von Caren Miosga an, die ihrerseits Anne Will als Polit-Talkerin beerbte.

Viele sind irgendwann in den vergangenen Jahren ausgestiegen. Weil sie sich nicht zugehörig fühlten, weil sie die Möglichkeiten der Beteiligung nicht wahrgenommen haben, weil sie die Debatten in den ‚Westmedien‘ ignoriert oder verpasst haben oder weil sie einfach mit ihrem eigenen Kram beschäftigt waren. Sie stehen ungläubig und fassungslos vor den  Diskussionen über Einwanderung und Diversität und sind überzeugt, nicht sie, sondern die anderen, der Westen, sei im Irrtum.

Jessy Wellmer

Es wird ja gern auch mal von einer „Russlandfreundlichkeit“ der Ostdeutschen gesprochen…

Wenn ich mit Ostdeutschen spreche, war das Verhältnis zu den Sowjets bzw. Russen durchaus auch zwiespältig. Und ich kenne auch und gerade im Osten viele, die sich jetzt in ihrem sehr kritischen Sowjet- und Russlandbild bestätigt fühlen. Aber bei manchen hat sich vielleicht auch ein freundlicher Schleier über ihre Russlanderfahrungen gelegt – das ist ja ein allgemeines Phänomen: Man schaut etwas milder in die Vergangenheit. Die Solidarität mit Russland, die heute mancherorts durchschimmert, rührt aber sicher auch daher, dass man sich vergleicht: Beide erlebten diesen großen gesellschaftlichen Umbruch, waren überfordert mit Kapitalismus und Freiheit, wurden oder fühlten sich mitunter auch abgezockt… Und dann sagt der Westen: Die Russen sind die Bösen und machen alles falsch – ein Gefühl, das viele Ostdeutsche eben kennen, aus dem Erleben nach dem Mauerfall.

Ich versuche, eine Art Vermittlerin zu sein. Gerade in Zeiten der Dauerempörung.

Jessy Wellmer
© Heike Niemeier | SuperIllu
Für ihre TV-Reportage „Hört uns zu! Wir – Ostdeutsche und der Westen“ besuchte sie 2023 auch die SuperIllu-Redaktion (hier mit stv. Chefredakteurin Katja Reim  und Ex-Chefredakteur Jochen Wolff)

Was wäre denn Ihr Wunsch gegenüber der Regierung, um der „neuen Entfremdung“ etwas entgegenzusetzen?

Ich glaube, sie macht häufig den Fehler, um sich selbst zu kreisen in ihrer Zerrissenheit und Zerstrittenheit – und schaut dabei zu, wie ihr vieles zerrinnt, eben auch das Vertrauen, das der Osten ihr ja durchaus bei der letzten Wahl entgegengebracht hatte… Nun erleben wir aber einen Rückschritt. Alle etablierten Parteien müssen sich bewusst machen, wie wichtig es ist, mit den Menschen im Osten zu sprechen. Mir wurde tatsächlich schon mal von jemandem aus meinem Bekanntenkreis gesagt: Die aktuellen politischen Auseinandersetzungen müsste man eigentlich nur noch im Westen führen, weil im Osten eh schon so viele abgedriftet sind, dass sich für den kleinen Rest der Aufwand nicht mehr lohnt. Auch fand ich es schwierig, dass Kanzler Scholz 2023 bei seiner Sommer-Pressekonferenz meinte, die Rechtspopulisten würden bei der nächsten Bundestagswahl schon nicht besser abschneiden als bei der zuvor. Das halte ich angesichts der aktuellen Entwicklung für einen Trugschluss. Und auch Scholz sagt ja inzwischen, es werde „schwer, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen“. Auch braucht es unbedingt eine emotionalere Ansprache, in der sich die Adressaten respektiert und verstanden fühlen. Das nämlich können die Populisten deutlich besser.

Als jemand aus dem Osten, der es „geschafft“ hat und außerdem im gepflegten Charlottenburg in West-Berlin seinen Hauptwohnsitz hat: Erfahren Sie Kritik von Landsleuten?

Manche sehen ja inzwischen in jeder kritischen Äußerung über die DDR Nestbeschmutzung und Anbiederung an den Westen. Und gelegentlich werfen mir Menschen vor, ich würde mich da auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk anbiedern. Aber das ist falsch. Ich nehme für mich ja gerade in Anspruch, mir selbst ein Bild zu machen. Und wenn ich sage, dass ich die Freiheit der Demokratie schätze und bewahren will, heißt das eben nicht, dass ich damit das Leben der DDR-Bürger herabwürdigen will. Ich bin ein Kind dieses Landes und kenne die, die in ihm gelebt haben. Ich möchte einfach nur, dass Ost und West nicht den Draht zueinander verlieren und dass alle Perspektiven dargestellt und gesehen werden. Letztlich will ich aber auch einfach nur mir selbst den Osten und meine Heimat erklären.