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© Jens Schlueter | Getty Images
Report

Hochwasser in Sachsen-Anhalt: Einsatz gegen die Flut

Seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag 2023 herrscht in Oberröblingen Ausnahmezustand. Wie die fast 1.700 Bewohner der Gemeinde in Sachsen-Anhalt gemeinsam gegen das Hochwasser kämpfen, erlebte SuperIllu bei einem Vor-Ort-Besuch.

Von Katharina Schnurr und Christiane Fenske

„Eigentlich ist es hier an der Helme sehr idyllisch, dass sie mal so viel Wasser führt, hätte ich nie gedacht“, sagt eine Bewohnerin von Oberröblingen. Hier im beschaulichen Ortsteil von Sangerhausen, wo die Helme im Normalfall 40 Zentimeter tief ist, ließ Dauerregen den Fluss auf über 2 Meter 40 anschwellen, über die Ufer treten.

Bewohner haben Angst vor einem Deichbruch

Das Hochwasser, das seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag 2023 – neben den starken Überschwemmungen im Norden des Landes – für Schlagzeilen sorgt, hat seine Spuren hinterlassen: Weideflächen und Gartengrundstücke sind von Wasser bedeckt. Die Bewohner haben Angst vor einem Deichbruch, der viele Häuser betreffen könnte. Als SuperIllu die 1700-Einwohner-Gemeinde am 4. Januar 2024 besucht, treffen wir auf Menschen, die gemeinsam versuchen, ihre Heimat vor Schlimmerem zu bewahren.

Alleine an diesem Tag sind in den betroffenen Gebieten 123 THW-Helfer, 465 Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr und 117 weitere Helfer im Dauereinsatz – alle ehrenamtlich. Um den Wassermassen Einhalt zu gebieten, werden heute 70000 Sandsäcke verlegt, Deiche gesichert. André Schröder, Landrat des Landkreises Mansfeld-Südharz, zeigt sich von der Solidarität beeindruckt. Er ist überzeugt, dass das Hochwasser die Region noch Wochen beschäftigen wird. Die Herausforderung sei es – auch mithilfe von 200 Soldaten – die Lage stabil zu halten, kritische Infrastruktur zu schützen. „Wir brauchen Durchhaltevermögen.“

© Yorck Maecke | SuperIllu
Erkundungstour auf dem letzten begehbaren Deich an der Helmebrücke: Marcel Hill (l.), und Mirko Peter.

Dauereinsatz der Helfer

Das zeigt Mirko Peter – stellvertretend für alle. Seit Weihnachten ist der Heizungsinstallateur im Einsatz. Er kontrolliert den Deich, um Schäden zu erkennen. Sein Chef stellte ihn wegen der Ausnahmesituation frei. „Dafür bin ich dankbar, denn ich will helfen.“ Die Arbeit fordere ihm viel ab. Vor allem wegen der Kälte und der Feuchtigkeit, die sich festsetze. Doch es gebe auch schöne Erlebnisse: „Man macht viele Bekanntschaften. Hier helfen wirklich alle mit, ob Jung und Alt, aus dem Ort und den umliegenden Gemeinden.“

Menschen wie er geben Bewohnerin Marlis Weitzenberg Hoffnung. „Ich bin allen Helfern unendlich dankbar.“ Die 80-Jährige, die in Sichtweite der Helme wohnt, erzählt: „Dieses Haus wurde 1909 gebaut, hat zwei Weltkriege überstanden. Ich hoffe, dass es jetzt auch dieser Situation standhält.“ Die frühere Lehrerin ist sensibilisiert. „Solange ich Lastwagen fahren höre, weiß ich, dass gearbeitet wird. Das beruhigt.“

© Yorck Maecke | SuperIllu
Im Flutgebiet: Kanzler Olaf Scholz (SPD, M.), Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne, l.), Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU, r.), Landrat André Schröder (in Weiß).

Besuch des Bundeskanzlers in der Region

Gegen halb Zwölf macht sich an diesem Tag Olaf Scholz ein Bild der Lage in Oberröblingen. Ein Besuch, der nicht jedem gefällt. Der Bundeskanzler wird von einigen mit Pfiffen und Rufen wie „Du kannst wieder nach Hause fahren!“ empfangen. Andere sehen den Besuch positiv, hoffen auf finanzielle Unterstützung des Bundes.

Was hier an Spenden aus der ganzen Region zusammenkommt, rührt mich.

Christine Völkel-Dietl
© Yorck Maecke | SuperIllu
Die bis zu 25 kg schweren Säcke werden auf Paletten gestapelt und zum Deich gefahren.

Solidarisches Befüllen von Sandsäcken

Auf dem Gelände des Asphaltmischwerks Papenburg in Sangerhausen bekommt man vom Kanzlerbesuch nichts mit. Es werden Säcke gefüllt und zu den Deichen gefahren. In den letzten fünf Tagen wurden allein an diesem Ort 600 Tonnen Sand verarbeitet. Heute wird das Material nicht nur per Hand, sondern auch durch eine mobile Anlage der Feuerwehr Magdeburg verfüllt – 2000 Säcke pro Stunde. Das THW Magdeburg kümmert sich dabei um den reibungslosen Ablauf und den Einsatz der Helfer.

Die Arbeit mit Sandsäcken sei Schwerstarbeit, erzählt Christine Völkel-Dietl. Die 45-Jährige arbeitete die ersten Tage am Deich, hilft jetzt, die vielen Helfer mit Essen zu versorgen. Seit Anfang Januar befindet sich im Saal des Ritterguts Ibold, der vom Besitzer zur Verfügung gestellt wurde, eine Verpflegungsstation. Hier schmieren Freiwillige Brötchen. Auf den Tischen steht Obst und Kuchen, in einer Box stapeln sich Gläser mit eingemachter Wurst. Alles Spenden. „Was hier aus der Region zusammenkommt, rührt mich.“

Ich hoffe, es wird mehr für den Hochwasserschutz getan – nicht erst wenn es ,brennt‘.

Marc Roßmann

Angrenzende Gemeinden sind auch vom Hochwasser betroffen

Doch nicht nur in Oberröblingen kämpft man mit den Wassermassen, auch in den ebenfalls an die Helme grenzenden Thüringer Orten Mönchpfiffel-Nikolausrieth und Heygendorf ist man betroffen. Darunter auch Marc Roßmann. Die Weiden seines Pferdehofs standen komplett unter Wasser. Nur durch Hilfe der Freiwilligen Feuerwehr und einer Spezialpumpe mit einer Leistung von 140000 Litern/ Stunde konnte Schlimmeres verhindert werden. Roßmann: „Ich hoffe, dass in Zukunft mehr für den Hochwasserschutz getan wird und nicht erst reagiert wird, wenn es ‚brennt‘.“

 

Bis Redaktionsschluss (8.1.2024) brachte auch der Temperatursturz keine Entspannung der Lage. Das Hoffen geht weiter, dass die Deiche den Wassermassen standhalten.

© A. Künzelmann | UFZ

Interview mit Dr. Karsten Rinke, Leiter Department Seenforschung am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Laut Wissenschaftler Karsten Rinke sei der Hochwasserschutz gut. Da solche Überflutungen aber eher zunehmen werden, auch in bisher verschonten Flussgebieten, müsse der technische Schutz um natürliche Maßnahmen ergänzt werden.

Herr Rinke, wie normal oder unnormal ist die derzeitige Hochwasserlage?

In Sachsen-Anhalt an der Elbe ist es eine moderate Lage. Im Vergleich zu 2013 sind wir mehr als zwei Meter unter dem Spitzenpegel. Aber im Weser-Gebiet ist die Lage außerordentlich. Dort werden teilweise Pegelstände erreicht, die die höchsten jemals aufgezeichneten sind. Im norddeutschen Raum ist das Hochwasserereignis herausragend.

Wäre die Situation eine andere, wäre das Wasser Schnee? 

Es käme dann später. Es gab auch in der Vergangenheit schon Hochwasser im Dezember. Winterhochwasser entstehen durch abrupte Schneeschmelze oder moderaten Regen, der lange andauert, den Boden sättigt. Im Unterschied zum Sommerhochwasser baut sich letztere Situation lange auf und hält länger an.

Ist Deutschland gut gerüstet? 

Grundsätzlich sind wir beim Hochwasserschutz auf einem guten Niveau. Erneuerte Abschnitte sind top, ältere Deiche muss man durchaus stützen. Der technische Hochwasserschutz, also Deiche, Entwässerungsgräben etc., ist gut. Nicht alle Risiken lassen sich zu hundert Prozent abpuffern, das muss man sagen. Wir können Deiche nicht immer höher und stabiler bauen. Langfristig müssen Maßnahmen des natürlichen Schutzes den technischen ergänzen.

Man muss Überflutungsflächen schaffen, dem Gewässer Platz geben, sodass Flüsse mehr Breite einnehmen können. Dann ist automatisch auch die Flutwelle nicht so hoch.