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Exklusiver Beitrag

Wladimir Kaminer gratuliert Michail Gorbatschow zum Geburtstag

Als sowjetischer Parteichef leitete „Gorbi“ die große Wende ein, die dazu beitrug, dass Deutschland 1990 wiedervereint wurde. Am 2. März feiert er seinen 90. Geburtstag. Exklusiv in SuperIllu würdigt ihn hier humorvoll der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer

Ein altes Sprichwort aus meiner Heimat sagt: „In Russland muss man lange leben, wenn man etwas Neues sehen will“. Nun kann Michail Gorbatschow als das langlebigste Oberhaupt des größten Landes der Welt ins Guinnessbuch der Rekorde eingetragen werden. Er würde an dieser Stelle Alexander Kerenski ablösen, der als Chef der Übergangsregierung nach der Oktoberrevolution einige Monate lang die Geschicke Russlands leitete, sich später erfolgreich in den Westen absetzte und mit 89 Jahren in Amerika verstarb. In der Regel schaffen es die Führungskräfte in Russland nicht, in Rente zu gehen, sie altern schnell und sterben im Amt. Sie werden im eigenen Land verehrt und im Ausland verspottet.

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Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin

Er ist eine Ausnahme. Er hat als Generalsekretär und erster Präsident der Sowjetunion einen kurzen, aber aufregenden Job gemacht und ist der erste russische Anführer, der im Westen beliebter ist als in der Heimat. Viele meiner Landsleute geben ihm die Schuld an dem Zerfall des großen Imperiums, sein Konzept von „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ - einem Gesicht, das nach außen milde lächelt, nach innen aber weiter grimmig guckt –, weckte falsche Hoffnungen, die in bitterer Enttäuschung mündeten. Vor allem seine naive, zu kurz gedachte und schlecht organisierte Anti-Alkohol-Kampagne hatte für Unmut gesorgt und das halbe Land auf die Palme bzw. auf die Birke gebracht.

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Zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 warnte Gorbatschow SED-Chef Honecker (r.): „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

Perestrojka (Umbau) und Glasnost (Transparenz) gescheitert?

Er kam 1985 an die Macht. Ich diente damals als Soldat des zweiten Verteidigungsrings der Moskauer Raketenabwehr. In der Armee bekamen wir von seiner Umbaupolitik, von Perestrojka und Glasnost nichts zu spüren. Nur die erzwungene Nüchternheit der Offiziere und Fähnriche sorgte für miese Laune im Armeekollektiv. Unser Raketenabwehrkomplex „Eichörnchen“, zum Abschießen von tief fliegenden Zielen gedacht, in erster Linie von schweren amerikanischen Bombern des Typs B52, war mitschuldig an der Landung von Mathias Rust auf dem Roten Platz gewesen, weil diensthabende Offiziere gerade im naheliegenden Dorf arg beschäftigt waren, die alkoholische Versorgungslücke zu schließen, anstatt auf Radare zu schauen.

Man könnte sagen, dank Gorbatschow konnte Mathias uns damals entkommen. Auch Gorbatschows Schweigen während der Tschernobyl-Katastrophe hinterließ Zweifel an seiner Ehrlichkeit. Ausgerechnet derjenige, der sich für Glasnost in der Politik und für die freien Medien einsetzte, versuchte, die Wahrheit über Tschernobyl zu vertuschen. Er hatte Fehler gemacht. Und trotzdem war und bleibt Gorbatschow für mich der spannendste aller russischen Politiker, die ich kannte, weil die Politik in erster Linie Veränderung bedeutete.

Er bleibt für mich der spannendste aller russischen Politiker

Wladimir Kaminer
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Im Sommer 1990 empfing Gorbatschow ganz leger die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (r.) in seiner Heimat im Süden Russlands

Gorbatschow war anders

Wir sehnten uns nach Veränderungen. Wir lebten in einem Land, in dem seit einer Ewigkeit nichts los war. Unsere Nachrichten bestanden nur aus Berichten über Milcherträge und Weizenernte, aus Eishockey und Wetterprognosen. Ab und zu flogen die Raketen ins Weltall, die Kosmonauten winkten uns von den Fernsehbildschirmen zu. Manchmal heiratete irgendein Schauspieler oder ein Balletttänzer kehrte vom Gastspiel im Westen nicht zurück. Mit anderen Worten: Es war nichts los im großen Land. Bis eines Tages Gorbatschow kam und unseren Sumpf aufwühlte.

Anfangs ahnte niemand, was kommt. Der Wechsel der Generalsekretäre war bei uns ähnlich wie der Ablauf der Jahreszeiten organisiert. Traditionell wechseln sich in Russland die glatzköpfigen und die behaarten an der Macht ab, wobei die Glatzen (Lenin, Chruschtschow, Andropow, Gorbatschow) immer Reformen anstreben, während die Behaarten (Stalin, Breschnew, Tschernenko, Putin) eine konservative Politik betreiben. Doch Gorbatschow unterschied sich nicht nur durch die Frisur von seinen Vorgängern. Er konnte lächeln. Er konnte sprechen, ohne einen Zettel in der Hand. Und er konnte sich frei bewegen, was für die sowjetische Führung keine Selbstverständlichkeit war. Der erste Witz über ihn ging so: „Wer stützt Gorbatschow? Niemand, er läuft von allein.“

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46 Jahre lang war Gorbatschow mit Ehefrau Raissa verheiratet, die 1999 in Deutschland an Krebs starb

Die erste First Lady

Und er hatte eine sehr schöne Frau, so etwas wie First Lady gab es in der Sowjetunion vorher nicht. Anders als ihre Vorgängerinnen achtete sie auf ihr Äußeres, sie trug ausgewählte Kleider, sie trug Handtaschen, sie hatte Make-up aufgelegt und eine Frisur, die für kurze Zeit sogar heftig in Mode kam – die russischen Frauen ließen sich in den Friseursalons die Haare à la Raissa schneiden. War er vielleicht zu freundlich, zu blauäugig dem hinterhältigen Westen gegenüber? Er wollte allen gefallen und wurde letzten Endes von allen verschmäht.

Heute, mit 90 Jahren, steht Gorbatschow wie ein lebendes Beispiel für seine Nachfolger, die jetzigen und zukünftigen Herrscher Russlands, als möchte er ihnen sagen: Leute! Es gibt ein Leben nach dem Amt. Man kann auch als Rentner glücklich sein, ein erfülltes, gesundes, spannendes Leben haben.

Gorbatschow wird bestimmt noch 100 Jahre alt, das sei ihm gegönnt.