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Josefine beim Treffen mit SUPERillu in ihrem Berliner Lieblingslokal „Schwarzes Café“
U. Toelle/SUPERillu
TV-Star Josefine Preuß
Meine Erinnerungen an die DDR

Josefine Preuß und Jörg Schüttauf über Mauerfall, Fluchtgedanken und West-Eindrücke

Victoria Teichert
on 1. November 2017

Ein Loft im vierten Stock eines Altbaus in Berlin. Hier treffen wir Josefine Preuß, 31, und Jörg Schüttauf, 55, um über ihren neuen Film „Vorwärts immer!“ zu sprechen, der seit dem 12. Oktober in den Kinos anläuft. Zur Zeit kann man ihn noch in 101 Lichtspielhäusern sehen. Die beiden kennen sich, seit sie zusammen für „Küss mich, Genosse!“ vor der Kamera standen. „Auch eine Ost-West-Geschichte, das ist aber schon zehn Jahre her“, erinnert sich Josefine Preuß. Und Schüttauf scherzt: „Trotzdem haben wir uns gleich wiedererkannt!“ Die Dreharbeiten liefen toll: „Es war eins der besten Teams, mit denen ich je zu tun hatte“, schwärmt der gebürtige Chemnitzer. „Und eins der witzigsten Drehbücher, das ich je umsetzen durfte!“

Frau Preuß, Herr Schüttauf, „Vorwärts immer!“ spielt am 9. Oktober 1989: Schauspieler Otto will Tochter Anna retten, die aus der DDR flüchten will. Ist das Stoff für eine Komödie?

Josefine Preuß: Sicher! Außerdem: Der Film hat ja durchaus auch ernste Momente, vor allem in der Geschichte um meine Figur Anne, die in die Freiheit abhauen will und in Gefahr gerät. Aber erst wenn man über ein zeitgeschichtliches Thema auch lachen kann, es dabei aber trotzdem ernst nimmt, funktioniert eine Komödie. Und das ist hier der Fall.

Jörg Schüttauf: Außerdem hat es all die Figuren, die vorkommen, so gegeben. Die ausreisewillige Tochter, den Vater, der das nicht will, Fluchthelfer, die Staatssicherheit – und eben auch die Herren Mielke und Honecker. Ich finde, 28 Jahre später darf man nicht nur, man muss sogar darüber eine Komödie drehen können. Das mag heute nicht typisch deutsch scheinen, aber in den 20er-Jahren gab es das alles schon: Man muss halt auch über sich selbst lachen können!

Herr Schüttauf, wie war es denn, sich in den Staatsratsvorsitzenden zu verwandeln?

Ehrlich? Leichter, als ich dachte! Beim Casting war ich der größte Zweifler. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, Honecker nachzumachen. Ich dachte nur: Du siehst Honecker ja gar nicht ähnlich, du hast volles Haar … (lacht) Aber dann setzte man mir die Haarkranzperücke auf, die Brille, den Hut und eine falsche Nase – und ich war über das Ergebnis so verblüfft, dass ich auf der Toilette heimlich Fotos geschossen habe.

Und Stimme und Gesten?

Ich hatte zum ersten Mal im Leben einen Coach, der mir sehr geholfen hat. Dazu habe ich Honecker-Interviews auf YouTube geschaut – und dann war es plötzlich ganz leicht.

https://www.youtube.com/watch?v=a2HQJ4wmVjs

Frau Preuß, wo haben Sie und Ihre jungen Kollegen die Straßenszenen für die Nacht des 9. Oktober gedreht?

Nicht, wie so oft in solchen Fällen, in „Görliwood“ (Görlitz, d. Red.). Wir waren tatsächlich in Leipzig. Und haben mit irre vielen Komparsen gedreht. Das war schon aufwendig.

Und die Szenen im Staatsratsgebäude? Im Originalbau befindet sich ja heute eine Business-School …

Schüttauf: Da waren wir im alten Funkhaus in der Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide, im großen Aufnahmesaal.

Herr Schüttauf, auch Sie waren zu DDR-Zeiten schon Schauspieler. Gab es solch ein progressives, subversives Theater wie die Truppe von Otto im Film damals tatsächlich?

Sicher! Das gab es schon immer. Warum waren denn damals die Theater so voll? Weil man den Zeitungen nicht geglaubt hat – denn was dort stand, stand im Gegensatz zu dem, was man jeden Tag sah und erlebte. Im Theater aber behandelten wir zwischen den Zeilen eben diese Realität: Egal, ob wir Brecht, Shakespeare oder Tschechow gespielt haben – wir haben immer uns, immer die DDR gemeint. Natürlich gab es wohl auch immer ein Ensemblemitglied, das alles aufschrieb – aber generell war Theater in der DDR ein Ventil. Und das war teils sogar gewollt. Dieses DDR-Theater „unter der Knute“, wie es heute oft gezeichnet wird, habe ich nicht wirklich erlebt.

Anne will abhauen. Haben Sie, Herr Schüttauf, damals je darüber nachgedacht?

Ja, hab ich. Ich hatte meinen Traumberuf, war im Theater in einer Art goldenem Käfig, konnte die unterschiedlichsten Rollen spielen – das war ein schönes Zuhause. Aber in der Realität ertappte ich mich schon manchmal bei dem Gedanken „scheiß Zone“ …

Warum sind Sie geblieben?

Tatsächlich habe ich, als die Möglichkeit auf dem Papier bestand, mal versucht, mich von meinem West-Onkel adoptieren zu lassen. Ich wollte vor meinem 65. Geburtstag einmal dorthin, wo die bunten Postkarten herkamen. (lacht) Es kam dann nie dazu. Die Idee, über die grüne Grenze abzuhauen, hatte ich nie. Ein Gastspiel am Deutschen Theater hat mich gereizt: Den Vorvertrag hatte ich 1990 in der Tasche – und dann brauchte ich ihn nicht mehr …

Haben Sie, Frau Preuß, je überlegt, ob Sie sich hätten arrangieren können?

„Was wäre, wenn“-Überlegungen mag ich nicht. Ich weiß nur, dass es meiner Familie trotz aller Probleme relativ gut ging. Meine Oma war Bürgermeisterin in einer kleinen Stadt, meine Eltern konnten ihre Traumberufe ausüben, was auch nicht immer üblich war. Und ich war vier Jahre, als die Mauer fiel: Ich bin in Potsdam aufgewachsen, und da ging die „Verwestlichung“ sehr schnell.

Wie haben Sie denn den Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 erlebt?

Preuß: Wir Kinder haben geschlafen. Irgendwann kam mein Vater rein und scheuchte uns aus den Betten. Er ist dann noch zur Glienicker Brücke gelaufen, und wir haben mit unserer Mutter vor dem Fernseher gesessen. Und dann hatten wir unser erstes Wochenende im „goldenen Westen“: Mit 400 D-Mark Begrüßungsgeld – so viel! – sind wir nach Berlin. Meine Mutter hatte einen Plan gemacht, wie sie das Geld ausgeben wollte: Babypuppen für die Mädchen, kleine Anlage für die Küche, coole Jeans für meinen Vater. Und dann war da dieser Hütchenspieler am Tränenpalast …! (lacht) Also: Am ersten Wochenende wurden wir vom Westen relativ abgezockt.

Schüttauf: Ich habe Schabowskis legendäre Pressekonferenz im Fernsehen gesehen und das Ganze so verstanden, dass man in den nächsten Tagen mal einen Antrag stellen könnte, der dann bewilligt würde oder auch nicht … Keine Sekunde lang war das für mich in dem Moment der Startschuss in eine neue Ära.

Also sind Sie dann tatsächlich daheim geblieben? Oder hat es Sie doch noch „nach drüben“ gezogen?

Meine damalige Freundin hat den Vorschlag gemacht, mit dem ganz normalen Bus rüberzufahren, in dem die Rentner saßen, die ja sowieso rüberdurften. An der Haltestelle in Babelsberg stiegen wir also in diesen gelben West-Bus, zusammen mit lauter Nachteulen aus der Potsdamer Künstlerszene, die dieselbe Idee hatten wie wir. Wir fuhren am Stau der Ost-Autos vorbei nach Wannsee. Und da war – überhaupt nichts! Ich dachte nur: Hier ist ja weniger los als im Osten. (lacht) Später waren wir auch in der wabernden Menge am Ku’damm unterwegs. Als wir dann morgens von der Bushaltestelle wieder nach Hause radelten, begegneten wir Menschen, die zur Schicht fuhren. Die hatten teilweise noch gar nicht mitbekommen, dass sich die Welt in den letzten paar Stunden für immer verändert hatte. Das Bild ist mir bis heute im Kopf geblieben.

Victoria Teichert
on 1. November 2017

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