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Sanddorn
Y.Maecke/SUPERillu
Aufzucht, Pflege & Ernte
Die Zitrone des Ostens

So wird der Sanddorn auch genannt. Weil er in der DDR als vitaminreiche Alternative zur Südfrucht erforscht und gezüchtet worden war

Michael Schelenz
on 6. Oktober 2017

Als große Botanikerin gilt Nina Hagen nicht gerade. Doch in ihrem Ohrwurm „Du hast den Farbfilm vergessen“ widmet sie einem Gewächs der Heimat eine Zeile: „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee, Micha, mein Micha, und alles tat so weh.“ Jeder macht so seine Erfahrungen … Richtig genutzt ist Sanddorn ein Alleskönner, der den Körper mit Vitaminen, Mineralstoffen und ungesättigten Fettsäuren versorgt. Außerdem pflegt er die Haut und stärkt durch den hohen Vitamin-C-Gehalt das Immunsystem, wodurch er sogar vor Krebs schützen soll. 

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Erforscht werden die Beeren an der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei im mecklenburgischen Gülzow, rund 40 km südlich von Rostock. „Von hier aus werden die sanddornverarbeitenden Betriebe Deutschlands mit Ergebnissen versorgt“, sagt Dr. Friedrich Höhne, 66. Bis vor Kurzem war er als Wissenschaftler in Gülzow tätig, doch auch als Rentner ist er noch ein gefragter Mann beim Thema Sanddorn.

(Hier klicken und in Literatur über Sanddorn stöbern.)

Der galt in der DDR als „Zitrone des Os­tens“. Da es an Südfrüchten mangelte, wur­den die zu den Ölweiden zählenden Pflanzen gezüchtet, deren Früchte bis zu 13-mal so viel Vitamin C enthalten wie eine Zitrone, bis zu 900 Milligramm pro 100 Gramm.

In den heutigen Späth'schen Baumschulen in Berlin - zu DDR-Zeiten Teil des Kombinats VEG Saatzucht Baumschulen Dresden - kreierte der damalige Zuchtleiter Hans-Joachim Albrecht mit seinem Team allein sieben weibliche Sorten Sanddorn sowie die männlichen Bestäuber, nachdem die DDR auf die genügsame Wildfrucht gestoßen war. Auf Rügen oder Hiddensee war er von den Insulanern schon immer per Hand „gemolken“ und zu Most oder Marmelade verarbeitet worden. Albrecht: «Wir mussten Erfolge bringen.» Insgesamt wurden seinerzeit in dem Betrieb rund 40 Pflanzensorten gezüchtet.

Die erste Zuchtsorte Leikora wurde 1979 zugelassen. Ein Jahr später folgte die erste Plantage der genügsamen Wildfruchtart auf kargem Land und abseits der Ostsee im mecklenburgischen Ludwigslust. Die dort ansässige Gärtnerische Produktionsgenossenschaft (GPG) Storchennest wurde zum Pionierbetrieb für die Kultivierung des wilden Dornenstrauchs.

(Hier klicken und alles über Aufzucht, Pflege und Ernte des Sanddorns erfahren.)

Nach der Wende wurde der Sanddorn zunächst vernachlässigt, nun gab es ja Obst in Hülle und Fülle. Doch ab 2005 feierte er auf den leichten Böden von Gülzow seine Rückkehr, nachdem das Team von Dr. Höhne schon in den 80ern am alten Standort in Rostock-Biestow Erfahrungen gesammelt hatte.

Die verbreitetsten Sorten heißen Leikora und Habego. Die Beeren werden bis zu acht Millimeter groß, die Wurzeln 13 Meter lang. Früchte bilden sich nur an den weiblichen Pflanzen. Hobbygärtner sollten pro weibliche Pflanze vier bis fünf männliche setzen, weil die Bestäubung durch den Wind erfolgt. Der Sanddorn braucht seine Freiheit, in dichten Wäldern wächst er nicht. Er liebt Sonne und gedeiht prächtig in den Dünen der Ostsee. Er mag Mecklenburg-Vorpommern, fühlt sich aber auch in Brandenburg wohl. 

Friedrich Höhne Frank Hippauf
Y.Maecke/SUPERillu

Der Gülzower Experte Dr. Friedrich Höhne (r.) und sein Nachfolger Dr. Frank Hippauf, 38, prüfen die Erntereife von Sanddornfrüchten

Kann man die Beeren eigentlich vom Strauch essen? „Ja, sie schmecken nur sauer“, sagt Dr. Höhne. „Das Problem ist das Pflücken. Wie schon der Name verrät, hat der Strauch viele Dornen.“

In Gülzow wurde auch die These widerlegt, dass Sanddorn kaum Wasser braucht. „Bei regelmäßiger Bewässerung hat sich der Ernteertrag verdoppelt“, sagt der Experte, „das sind wichtige Erkenntnisse für die deutschen Züchter.“

Die und viele Kollegen aus aller Welt kommen jedes Jahr nach Gülzow zum Rundgang, um sich auf den neuesten Stand der Forschung bringen zu lassen. In den letzten Jahren ist ein neuer natürlicher Feind aufgetaucht: Die Fruchtfliege hat Geschmack an dem Gewächs ge­­funden. Dr. Höhne: „Die Forschung bleibt spannend. Es gibt immer etwas Neues.“

Michael Schelenz
on 6. Oktober 2017

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