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Fatmire Bajrama
Camera4/Tilo Wiedensohler
Fatmire Bajramaj
Mittelfeldstar Fatmire Bajramaj: Auf diese Beine können wir bauen

Sie kam als Flüchtlingskind aus dem Kosovo, wurde mit Deutschland Weltmeisterin und kämpft ab 26. Juni erneut um die Fußball-Krone

Redaktion
on 22. Juni 2011

Der Jubel war unbeschreiblich, die Generalprobe geglückt. Nach dem 3 : 0 gegen Norwegen steht fest, dass die deutschen Fußballerinnen die heißesten Titelkandidaten bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land sind. Es war auch das Spiel der Nummer 19, die beim Stand von 0 : 0 eingewechselt wurde, das unserer Elf zum Sieg verhalf. Ihre Beine sind es, auf die wir besonders bauen - Fatmire Bajramaj, die alle Lira nennen, hat mit ihren 23 Jahren schon fast alle Titel gewonnen, ist deutsche Meisterin, Europameisterin und Weltmeisterin - eine der besten Fußballerinnen der Welt, und eine der meist fotografierten ...

Glamourgirl

Lira ist eine Ausnahmespielerin. Wie keine andere vereint sie weibliche Attraktivität, Können und Kampfgeist. Während sie mit wallender Mähne und pink lackierten Nägeln über den Rasen wirbelt, schießt sie ein Tor nach dem anderen. Sie gilt als Glamourgirl unter den Spielerinnen und gibt offen zu, dass ihr liebstes Hobby Shoppen ist. Dass sie Schuhe, Handtaschen und Schmuck sammelt, viel Zeit und Geld in ihr Styling investiert, weil ihr Aussehen ihr wichtig ist und sie zeigen möchte, "dass Frauenfußball auch sexy ist". Gleichzeitig ist sie ein Musterbeispiel für gelungene Integration, weil sie immer gekämpft und an sich selbst geglaubt hat. „Mit meinem Buch 'Mein Tor ins Leben' will ich anderen Menschen mit Migrationshintergrund Mut machen", sagt die Autorin.

Flüchtling

Liras Märchen beginnt inmitten der Geborgenheit einer Großfamilie auf einem Bauernhof mit Hühnern und Kühen im 90-Seelen-Dorf Gjurakovc (150 km südlich von Sarajevo). "Ich verbrachte dort glückliche Jahre." Bis der Balkankrieg sie aus ihrem unbeschwerten Kindsein riss. „Wir hatten fast nichts mehr - und meine Eltern fürchteten um unser Leben", sagt Lira. Sie war fünf, als die Familie 1993 durch halb Europa nach Deutschland floh. Eine Odyssee, die schließlich in Remscheid (NRW) endete. „Wir mussten uns zu zwölft in den Kleinwagen des Schleusers quetschen. Mein Gott, haben wir geschwitzt. Ich erinnere mich an den unangenehmen Geruch. Es muss wohl der Angstschweiß gewesen sein ..."

Ein Jahr lebten sie dort zu fünft in einem Zimmer im Asylbewerberheim, bevor Lira mit ihren Eltern und den zwei Brüdern nach Mönchengladbach zog. „Anfangs fühlte ich mich fremd in Deutschland. Wir wurden immer wieder als 'Scheiß-Zigeuner' oder 'Scheiß-Türken' beschimpft." Aber die Zeiten, in denen Rassismus und Armut sie begleiteten, sind lange vorbei. „Seit 2001 bin ich Deutsche, und das Land ist meine Heimat geworden, auch wenn ich manchmal Sehnsucht nach dem Kosovo habe."

Weg in die Nationalelf

Geholfen auf dem Weg in ihrer neuen Heimat anzukommen, hat Lira der Fußball. „Ich spiele, seit ich sechs bin. Nach den ersten Dribblings, die mir mein Bruder zeigte, war ich infiziert." Lira kickte überall: auf dem Schulhof, dem Bolzplatz, der Straße. „Immer heimlich, weil mein Vater nichts merken durfte. Er verbot mir den Fußball, weil er wollte, dass ich Balletttänzerin werde." Deshalb fälschte sie mit acht auch seine Unterschrift, um an einem Schulturnier teilnehmen zu können. Genauso heimlich trat sie kurz darauf dem DJK/VFL Giesenkirchen bei. Eines Tages entdeckte ihr Vater sein Prinzesschen in Jungsklamotten auf dem Platz. „Erst war er sauer und enttäuscht." Doch als er sah, wie gut seine Tochter war, wurde er ihr größter Fan. Mit 15 spielte Lira in der 1. Bundesliga beim FCR Duisburg. Seit 2009 bei der 1. FFC Turbine Potsdam. Nach der WM geht es dann beim FFC Frankfurt weiter.

Lira machte in der Abendschule den Realschulabschluss, trainierte ehrgeizig nebenbei. „Sport war und ist mein Leben", sagt die gläubige Muslima, die vor jedem Spiel einen Koran-Vers betet. Um ihre Leidenschaft zum Beruf machen zu können, brach sie ihre Lehre zur Steuerfachangestellten ab und verpflichtete sich 2007 bei der Bundeswehr. „Reich werden kann man als Frau mit Fußball nicht. Und so bekomme ich neben dem Geld vom Verein noch meinen Sold."

Träume

Männer müssen sich heute um sie bemühen, sagt Lira, die seit einer 2,5 Jahre dauernden Beziehung zu dem albanischen Schauspieler Eshref Durmishi, 30, seit 2009 wieder Single ist. „Ich bin eine kleine Diva. „Wie er aussehen soll, ihr Traummann? "Er muss tolle Hände und strahlend weiße Zähne haben, sich kleiden können und treu und ehrlich sein." Schließlich möchte Lira irgendwann Kinder bekommen, eine Familie gründen, ein Kosmetikstudio eröffnen. Doch erst mal kommt die WM. „Manchmal stelle ich mir vor, dass wir am 17. Juli im Finale stehen. Träumen darf man ja mal. Und hoffen, dass wir dann alle in Euphorie versetzen, doch auch ..."

Medienstar

Lira ist schon auf dem besten Weg dahin. Fußball-Star, Werbestar, und seit 19. Juni auch noch indirekt „Tatort"-Star. Denn im Sonntagskrimi „Im Abseits" ging's um Frauenfußball: Nationalspielerin Fadime (Filiz Koc) -schön, erfolgreich und beneidet wie Lira - wurde ermordet. Echte Fußballprominenz spielte mit (Joachim Löw, Theo Zwanziger), und es wurde klar, dass die Rolle der Muslimin Fadime an Liras Biografie angelehnt ist. Wo auch immer sie auftaucht. Lira ist ein Star - und das Sommermärchen kann beginnen ...

Redaktion
on 22. Juni 2011

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