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Dresden contra Leipzig
Wer hat die Nase vorn?

Die beiden sächsischen Großstädte Dresden und Leipzig haben viel gemein, sind aber schon immer auch Rivalinnen. SUPERillu-Autor und Schriftsteller Ingo Petz über die harten und weichen Fakten in dem Wettstreit.

Gerald Praschl
on 23. November 2017

Es ist wie bei einem Film, den man be­­reits mehrmals ge­­sehen hat: Ja, gleich kommt sie, die Szene, die sich eingebrannt hat. Schon bevor der bummelige Eurocity über die Elbbrücke rollt, verstummen die Fahrgäste, Vorfreude macht sich breit, die Hälse wenden sich: fertig machen für den Canaletto-Blick. Der nahe Platz am rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke ist allerdings der bessere Standort für das weltberühmte Panorama: Residenzschloss, Hofkirche, Semperoper. Aber das ist in diesem Moment egal. Wer den barocken Blick mit all seiner Selbstzufriedenheit, Sehnsucht und Melancholie will, bekommt ihn auch. Die Schönheit seiner Stadt und ihrer Auen- und Weingüter-Umgebung ist dem Dresdner seit Jahrhunderten ein Grundgesetz. Er trägt es wie ein Aushängeschild vor seiner Seele her, komme, was wolle. 

Das Elbflorenz auf seine barocke Bautradition, seine Hoch­kultur wie auf sein konservatives Erbe als Residenz- und Beamtenstadt zu reduzieren, wäre noch nicht mal die halbe Wahrheit. Bereits in der Innenstadt fällt einem die Zerrissenheit im Stadtbild auf, das wilde Nebeneinander von Altem, Sozialistischem, der Shopping-Mall-Architektur und dem wertvoll Modernen, in das in den vergangenen Jahren viel Geld, Zeit und Enthusiasmus in­vestiert wurde. Gerade mit dem Aufschwung seit der Jahrtausendwende ist die Heimat von Erich Kästner trotz aller provinzieller Beschaulichkeit und nicht nur dank des szenischen Widerstandsnests in der Neustadt vielfältiger geworden. Manche sagen, seit dem Wiederaufbau der schmerzlich vermissten Frauenkirche sei der Dresdner sogar lebensbejahen­der geworden. 

Zwischen 1989 und 1999 ist Dresden eine Bevölkerungszahl in Höhe einer mittelgroßen Stadt ver­loren gegangen, rund 50 000 Einwohner. Dann besann man sich auf seine Stärken: die Mikro­elektronik- und die Elektrotechnik, die Ingenieurs- und Naturwissenschaften, die sächsi­sche Innovationskunst. Sie hat den Deutschen das Kondom, die Filtertüte oder die Kleinbildkamera beschert. Das „Silicon Saxony“ wurde zum bedeutenden Standort für die Chipherstellung und zum Tummelplatz für junge Hightechtüftler. Seitdem ist die Wendedepression gestoppt, steigt die Einwohnerzahl wieder. Im Moment ist sie mit 553 036 bei einer Größe angekommen, die das letzte Mal im Jahr 1920 aktuell war.

Jens Struckmeier ist so je­­mand, den es über Santa Barbara in Kalifornien nach Dresden gezogen hat. Der Physiker kam 2005 wegen der Nanotechnologie. Dann wurde er Mitgründer von Cloud&Heat. Eine kleine Firma mit 60 Mitarbeitern, die Abwärme von Rechenzentren und Servern nutzt, um Gebäude zu heizen. „Wir haben uns schon ein bisschen in diese Stadt verliebt“, sagt er. „Für mich ist Dresden reizvoll, weil es diesen Mix aus internationaler Umgebung rund um die Elite-Uni, die alte Architektur und die wunderschöne Natur hat.“ Er findet auch, dass die Start-up-Szene zu einem neuen Dresdner Lebensgefühl beitrage. We­­niger in Barock träumen, mehr in Halbleitern denken. „Man darf nicht zu sehr im eigenen Saft schmoren. Man muss flexibel sein, um neue Entwicklungen anstoßen zu können. Dresden vermittelt ei­­ne Ruhe und Selbstgewissheit, in der so etwas möglich ist.“

Auch die Leipziger haben trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und der sozialistischen Bauwut eine schöne Stadt, die sich ihren quirligen europäischen Innenstadtcharakter mit dem Nebenein­ander von Wohnen, Leben, Studieren, Einkaufen, Tourismus und Kultur erhalten konnte. Sie gehen sicher etwas unpathetischer mit ihrem historischen Erbe um. Und sie waren sich wohl stets bewusster, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt als sie selbst. 

Der Handel, die Messe, die Mittellage in Deutschland und die angestammte Tradition der Buch- und Verlagskunst hat die Leipziger zu neugierigen, weltgewandten Menschen gemacht, was in einem ausgeprägten geis­teswissenschaftlichen Erbe und einer starken Kunstaktivität bis heute seinen Niederschlag findet. Um 1900 war die „Stadt an den Linden“ der wohlhabendste Ballungsraum des Deutschen Reichs. In den Neunzigern, als Investitionen und Arbeit ausblieben, man sich zu abenteuerlichen Bauvorhaben verstieg und die Menschen regelrecht flohen, wurde sie nahezu totgesagt. Das Leipziger Wunder begann, zeitversetzt zu Dresden, Mitte der Nullerjahre: Der Ausbau des Flughafens, die Ansiedlung des DHL-Drehkreuzes und der Werke von BMW und Porsche sowie der Neubau der Messe brachten Arbeitsplätze und Dynamik. Seit 2001 hat die alte Messe- und Handelsstadt einen sagenhaften Bevölkerungszuwachs um 160 000 Personen zu verzeichnen. Stand derzeit: rund 583 643 Einwohner.

Auch Samuel Kermelk kam wegen eines Jobs an die Pleiße. Der studierte Maschinenbauer war Mitte der 2000er Assistent der Werksleitung bei Porsche. Der drahtige Enddreißiger ist heute der Geschäftsführer der HeiterBlick GmbH. Das Unternehmen mit über 90 Beschäftigten ist der Beweis dafür, dass mittelständische Produktion auch in Leipzig möglich ist. HeiterBlick baut moderne Straßenbahnen und hat trotz großer Konkurrenz seine Nische ge­­funden. Kermelk sitzt in einem modernen Bau mit hohen Fens­tern. Der Blick geht hinaus auf die alten Backsteinfassaden der Kirow-Werke, einem Weltmarktführer für Eisenbahn­kräne. „Meine Frau ist zwar wie ich im Rheinland aufgewachsen“, sagt Kermelk. „Aber sie stammt aus Dresden, wo wir immer noch Verwandtschaft haben. Ich fand Leipzig Mitte der Nullerjahre unglaublich spannend. Man spürte noch das alte Leipzig mit dem Kohlegeruch und den unsanierten Fassaden. Aber ich merkte gleich: Hier passiert was.“ Für ihn sei Leipzig heute eine „sehr attraktive Stadt mit einem spannenden Kulturleben, mit guten Einkaufs- und Ausflugsmöglichkeiten“. 

Im Leipziger Westen, unweit der alten Baumwollspinnerei – einst Arbeitgeber für mehr als 4 000 Leute und heute Heimat für Handwerksbetriebe und Künstler – kann man noch sehen, dass Leipzigs Vorteil vermutlich in den über lange Zeit niedrigen Mieten liegt. Das Viertel ist ein Beispiel dafür, warum „Leipzsch“ vor ein paar Jahren als „Hypezig“ gefeiert wurde. Mittlerweile ist der Westen von den sogenannten Szenekundigen und Kreativen erobert worden. Bürgerhäuser zieren die Straßen, manche auf Hochglanz renoviert, manche noch im heruntergekommenen Authentik-Chic. Man sieht kleine Cafés, Kneipen, Galerien, Clubs. Connewitz ist längst nicht mehr die einzige Insel der Glückseligen auf ihrer Suche nach dem Wilden und Unbändigen. 

Arbeitsmarktforscher sagen für das kommende Jahr in Dresden ein Plus von 5 200 neuen Jobs voraus, in Leipzig sollen es 6 500 werden. Die gestiegene Wirtschaftskraft und der damit verbundene Zukunftsoptimismus führen in Leipzig und in Dresden dazu, dass dort neuerdings sehr viele Kinder geboren werden. Mittlerweile haben beide Städte bundesweit die Nase weit vorn, ­gelten als hochattraktiv, was das aktuelle Städteranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI und der Berenberg-Bank zeigt. Darin belegt Leipzig hinter München bundesweit den zweiten Platz, Dresden den dritten, zusammen mit Frankfurt/Main. 

Die Dynamik des Aufschwungs hat naturgemäß ihre Tücken. Die Infrastruktur muss fit gemacht werden. Kitas und Schulplätze müssen her, die medizinische Grundversorgung muss ausgebaut werden. Inves­titionen in bezahlbaren Wohnraum sind wichtig. Viertel, wohin diejenigen ziehen, die sich den innerstädtischen Wohnraum nicht mehr leisten können, dürfen nicht vergessen werden. Auch die Sicherheit ist ein Thema. Mehr Menschen bedeuten mehr Spannungen. Leipzig liegt heute schon auf dem traurigen zweiten Platz der bundesweiten Kriminalstatistik. 

Aber eine Frage bleibt: Was ist mit der viel beschworenen Rivalität der sächsischen Leuchttürme? Viele Gesprächspartner von SUPERillu in beiden Städten versicherten, dass es mit dem alten Hahnenkampf nicht mehr weit her sei, dass es doch mehr ein sportlicher Wettbewerb sei. Man würde schon mal gegeneinander frotzeln, sächsisch spöttisch halt. Da müssen sich die Dräsdner schon mal anhören, sie seien ein bisschen langsamer.Und die Leipzscher müssen sich gefallen lassen, wenn sie in Dresden als Quasselstrippen gelten. Zwei Schwestern, die verschieden sind, die sich zuweilen zanken, sich aber gut ergänzen.     

Von Ingo Petz 

Städtevergleich Dresden-Leipzig
SUPERillu

Dresden-Leipzig - die wichtigsten Vergleichszahlen 

Gerald Praschl
on 23. November 2017

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