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Arnold Vaatz
N.Kuzmanic/SUPERillu
Die Arnold Vaatz-Kolumne
Wieso Lenin bis heute aktuell ist

Meine Gedanken zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

Arnold Vaatz
on 10. November 2017

Der Urnenhain in Dresden-Tolkewitz beherbergt das verwahrloste Grab eines gewissen Alexander Helphand. Helphand – Deckname Parvus – war eine zwielichtige Person: in Weißrussland geboren, Waffenhändler, linker Aktivist. Er brachte die deutschen Behörden dazu, den im Schweizer Exil lebenden Lenin in einem als exterritorial gekennzeichneten plombierten Eisenbahnwaggon durch Deutschland nach Russland zu überführen. Am 3. April 1917 kam Lenin dort an. Wie so ein „Regime-Change“ ins Auge gehen kann, erlebten wir in den folgenden 70 Jahren.

 

Lenins Putsch gegen die Demokraten der Februar-Revolution nannte man in der DDR, die tatsächlichen Geschehnisse stark verfälschend, „Große Sozialistische Oktoberrevolution“. Als Erstes entstand danach die Tscheka, die Stasi der ersten Stunde. Sie ermordete allein bis 1920 nach unabhängigen Schätzungen bis zu 250000 Menschen. Im August 1918 errichtete man Konzentrationslager: Der Gulag wurde geboren, in dem bald Millionen Menschen „verschwanden“.

 

1932 begann der Holodomor: Eine von Stalin organisierte Hungersnot tötete überwiegend in der Ukraine (in der flächendeckend mit Waffengewalt das gesamte Getreide konfisziert und für Devisen exportiert wurde) 4,5 bis 10 Millionen Menschen. 1934 begannen die großen Stalin’schen Säuberungen, denen abermals Millionen Menschen zum Opfer fielen oder die in Lagern endeten. Man schätzt die Opfer Stalins heute auf weit über 20 Millionen. Stalins „Erfolge“ machten Schule: Während wir in der DDR mit blauen und roten Halstüchern „Kleine weiße Friedenstaube“ sangen, kostete Maos Politik des „Großen Sprungs“ etwa 45 Millionen Chinesen das Leben. Pol Pot ließ etwa zwei Millionen von acht Millionen Kambodschanern töten.

 

All das wird bis heute von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. Schon seit den 30er-Jahren überboten sich westeuropäische Intellektuelle im Kotau vor Stalins Terror. Lion Feuchtwanger, André Gide, Louis Aragon, Paul Éluard – die Liste ist lang. Sie legitimierten Stalins Massenmord in der westlichen Gesellschaft und machten sich so zu Mittätern; und die linken Kinder der Nazis in Westdeutschland hatten seit Ende der 60er nichts Eiligeres zu tun, als den Massenmörder Mao zu ihrem Idol zu machen.

 

Da die Empörung ausblieb, gab es weder in Russland eine Aufarbeitung des Stalinismus noch in China eine des Maoismus. Die Denkmäler der Täter entstehen neu im alten Glanz. Und schon heute wird der wirtschaftliche Rückstand des Ostens von Deutschland und Europa allen möglichen Ursachen zugeschrieben – nur nicht der jahrzehntelangen erzwungenen Stagnation unter dem Stiefel der Sowjetdiktatur. Die Oktoberrevolution wird aus ihrer Verantwortung für millionenfache Verbrechen und unsägliches menschliches Leid komplett entlassen.

 

*Arnold Vaatz, 62, war 1989 Mitgründer des Neuen Forums, ist heute einer der Vize-Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der sächsische Politiker schreibt hier als Kolumnist im Wechsel mit Gregor Gysi (Die Linke) und Antje Hermenau.

Arnold Vaatz
on 10. November 2017

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